Argumentationstraining

Es gibt sie überall. Dumme Kommentare, Hate-Speech, Mobbing, Trolls im echten Leben. Wie gehen wir mit Parolen, wie mit subtilen Beleidigungen oder auch mit direkten verbalen Frontal-Angriffen um? Wie reagieren wir suverän, kompetent und lassen uns dabei nicht aus der Ruhe bringen? „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ und „Das ist doch Meinungsfreiheit“ sind Floskeln, die uns erstmal ins Stocken bringen, denn klar sollten Menschen ihre Meinung sagen dürfen. Wenn aber der Inhalt mal so gar nicht passt und eher von stark diskriminierendem Charakter und Menschenverachtung geprägt ist – wie geht man dann damit um? Hier eine klare Linie ziehen – argumentieren und überzeugen. Wie das genau geht? Das lässt sich in einem kurzen Beitrag nicht so gut erklären, deshalb gibt es Impuls-Workshops und ausführlichere Argumentations-Trainings, die sich mit Techniken, Strategien und auch mit Analysewerkzeugen auseinander setzen. Ich freue mich sehr über konkretere Anfragen.

In den vergangen Jahren habe ich mehrere Argumentationstrainings durchgeführt.

Hier eine beispiel Beschreibung zum Workshop mit Fokus „Rechtspopulismus“:

Wer kennt es nicht? Ob in Kommentaren bei Facebook, in der Schlange im Supermarkt, beim Zusammensitzen mit Freund/innen in der Kneipe oder bei einem Familienfest; scheinbar aus dem Nichts kommt auf einmal ein Spruch wie „Früher hätte es so was nicht gegeben!“,  „Bald sind wir fremd im eigenen Land.“, „Ausländer sind viel krimineller als Deutsche!“ etc. Es folgen oftmals zustimmende Reaktionen von einzelnen Zuhörer*innen. Man selbst reagiert mit (stiller) Empörung oder eben nicht, da auf die Schnelle keine passende Antwort parat ist; sie einem erst viel später einfällt. Auch in Schulklassen oder in der Arbeit mit Jugendlichen ist man mit solchen oder ähnlichen Äußerungen konfrontiert. Und im Gegensatz zum sonstigen Unterricht ist man meist nicht auf eine solche Situation vorbereitet, sieht sich aber durch die Position als Pädagoge*in genötigt, unmittelbar und adäquat auf vorurteilsfördernde, diskriminierende, mitunter aggressive Parolen zu reagieren. Das Seminar geht davon aus, dass wir nicht nur die besseren Argumente gegen populistische und rassistische Parolen brauchen. Klar muss auch sein, was hinter einer Parole steht, welche Ziele mit ihr verfolgt werden und wie sinnvolle Entgegnungen aussehen können.

Leitfragen des Workshops sind:

Was tun, wenn diskriminierende und rassistische Parolen in Schule, an Stammtischen oder im Web geäußert und verbreitet werden?
Wie können wir mit ausgrenzenden bis rassistischen Äußerungen und Beschimpfungen im beruflichen Alltag und im sozialen Umfeld umgehen?
Welche Strategien können wie angewendet werden?
Wann ist eindeutiger Widerspruch unumgänglich?
Wo liegen die Grenzen in der Argumentation?

Mit Informationen, aber auch mit Übungen/ Rollenübungen und Auswertungen zu Argumentationsstrategien werden die Teilnehmenden für die Auseinandersetzung mit diskriminierenden, rechtspopulistischen und rassistischen Äußerungen gestärkt. Geübt wird, die eigene Position argumentativ – auch gegen Widerstände – zu vertreten und die eigenen Erfahrungen und Umgangsformen mit rechten Parolen zu reflektieren.

 

Der nachfolgende Essay (Prüfungsleistung Uni Rostock) ist nach einem Argumentationstraining des Netzwerk für Demokratie und Courage entstanden und soll einen weiteren Einblick ins Themenfeld liefern.

Wie argumentieren gegen Rechtspopulismus?

Ein Essay von Jannes Umlauf

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Rechte Einstellungen sind schon lange kein Phänomen eines extremistischen Kerns von Neonazis, die sich hin und wieder in ihrer Stammkneipe treffen, sondern bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen und dort auch tief verankert. So sind Ausländerfeindlichkeit und rassistische Äußerungen oft mehr oder weniger unterschwellig in Medien und Werbung, manchmal aber auch ganz offensiv in Wahlkämpfen und politischen Diskursen zu finden. Und diese Äußerungen treffen oft auf Gehör und Verständnis, werden reproduziert ohne dass es großen Widerspruch gibt.1 So gelingt es z.B. rechtspopulistische Parteien europaweit in Parlamente einzuziehen oder auch bestimmten rechtspopulistischen Initiativen, wie PEGIDA, tausende von Menschen auf die Straße zu bringen. Bevor in diesem Essay genauer auf Argumentationstechniken gegen Rechtspopulismus eingegangen wird, soll hier anfangs kurz geklärt werden, was eigentlich Rechtspopulismus ist und was ihn so spannend oder gar erfolgreich macht?

Rechtspopulismus – eine kurze Definition:

Der Rechtspopulismus ist eine politische Agitationstechnik, d.h. eine „eindringliche Werbung, anreizende politische Propaganda, die unter den breiten Volksmassen eine politische Umorientierung erreichen will.2 Bezeichnende Elemente sind z.B. Provokationen und Tabubrüche, ein Emotionalisieren und Moralisieren von Politik, das Benutzen von sogenannten Common Sense oder auch Tot-Schlag Argumenten, eine Selbststilisierung als Opfer und Retter gleichzeitig, sowie eine Verknüpfung zu Verschwörungstheorien zur scheinbaren Beweisführung politischer Forderungen und Notwendigkeiten. Hinzu kommt eine menschenverachtende Ideologie, wie z.B. Rassismus, Biologismus, Sozialdarwinismus oder Personalismus, welche oft Sündenbockfunktionen übernehmen.

Populistische Parteien und Bewegungen sind ein Phänomen gesellschaftlicher Modernisierungskrisen. Sie treten auf, wenn infolge zu raschen Wandels oder zu großer Verwerfungen bestimmte Bevölkerungsgruppen Wert- und Orientierungsverluste erleiden. Diese Verluste, die ökonomische Ursachen haben können, in der Regel aber kulturell vermittelt sind, gehen mit Statusangst, Zukunftsunsicherheit und politischen Entfremdungsgefühlen einher.“ 3

Des Weiteren bedienen sich rechtspopulistische Strömungen einem Denken in Dichotomien. Sie behaupten die Wahrheit zu vertreten, statt wie andere Lügen zu verbreiten oder ehrlich zu sein, statt wie andere anfällig für Korruption. Hier wird ein totalitärer Wahrheitsanspruch deutlich.4 Der Rechtspopulismus baut dazu bestimmte Konstruktionen bzw. Konfliktlinien auf. Rechtspopulist_innen sehen sich hierbei als Sprachrohr des Volkes, welches als eine homogene Interessengruppe gesehen wird, die sich oft auch als „der kleine Mann“ inszeniert. Innerhalb dieser Identitätskonstruktion wird suggeriert, dass es eine gemeinsame (deutsche) Moral, gemeinsame (deutsche) Werte und (deutsche) Tugenden gäbe, welche vertreten und vor allem vor „dem Anderen“ bzw. „dem Fremden“ geschützt werden müssen. Hierbei sind hauptsächlich Bürger_innen aus der unteren bis gehobene Mittelklasse die Ziel- als auch die ausführende Gruppe des Rechtspopulismus‘. Der Rechtspopulismus ergreift also eine Haltung für das sogenannte einfache Volk und gegen die herrschende gesellschaftlichen und politischen Eliten.5 Diese Eliten, welche meist aus Akteur_innen aus Politik und Medien bestehen, werden als abgehoben, korrupt und machthungrig angesehen. Besonders eignet sich an dieser Stelle die Instrumentalisierung der Europapolitik, da sie schwer greifbar und damit leicht für politische Parolen zu benutzen ist. Die Medien werden als „Lügenpresse“ bezeichnet und die Politiker_innen würden sich nicht mehr um das wirkliche Volk kümmern, sondern nur um die Interessen einer dritten Gruppe, die sogenannten „Anderen“. Die Anderen sind oft nicht-weiße, Asylsuchende oder Muslima, welche als Menschen niedrigerer Klasse angesehen werden. Sie werden vom Volk als eine Bedrohung und Konkurrenz gesehen und ihnen wird eine scheinbare Privilegierung durch die Elite vorgeworfen. Somit schafft sich der Rechtspopulismus ein klares Feindbild und damit auch seine eigene Identität. An dieser doch sehr verkürzten Erklärung des Rechtspopulismus wird bereits deutlich, wie komplex das Thema als solches bereits ist und welche Mechanismen, z.B. Identitätskonstruktion, Euroskeptizismus oder der Othering-Prozess entscheidend für den Rechtspopulismus sind. Durch eine Auseinandersetzung mit der Funktionsweise und den inhaltlichen Bestand des Rechtspopulismus, kann nun im nächsten Schritt auch eine Argumentation gegen eben diesen entwickelt werden. Dies soll anhand einer Beispielaussage genauer verdeutlicht und anschaulicher dargestellt werden.

Von wegen Frieden durch den Euro – das Gegenteil ist der Fall! Wir gehen auf bürgerkriegsähnliche Zustände zu! Wir sehen die fehlgelenkte Integrations- und Einwanderungspolitik, die Früchte, Parallelgesellschaften mit Paralleljustizen, mit Blut, was da fließt, was wir schon gar nicht mehr veröffentlichen in Zeitungen – die Fakten würden uns zu sehr erschrecken.“ 6

Argumentation gegen Rechtspopulismus – Hilfsinstrumente

Um nun rechtspopulistischen Äußerungen entsprechend antworten zu können, gibt es Hilfsinstrumente, die hier kurz vorgestellt werden sollen. Das sogenannte Argumentationsdreieck dient hierbei als ein erstes Analyseinstrument von rechtspopulistischen Aussagen. Fokussieren sollte man sich hierbei auf 1. die Fakten oder Annahmen, welche in der Aussage stecken, 2. der Grund oder das Motiv für die Aussage und 3. welcher Appell oder welche Forderung in der Aussage steht. Im Bezug auf das oben angeführte Zitat bestehen damit folgende Annahmen: Die Einführung des Euros habe zu bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland geführt, die Intergrations- und Einwanderungspolitik sei fehlgelenkt, es würden sich Parallelgesellschaften bilden und die Zeitungen würden die Fakten nicht darstellen. Das Motiv oder der Grund, der zu dieser Aussage führte liegt darin, dass die Euro- bzw. Währungspolitik zu vielen Problemen geführt habe, dass Deutschland nicht als Einwanderungsland gesehen wird und dass es eine scheinbare Verschwörung innerhalb der Berichterstattung geben würde. Daran schließt sich nun die Appell-Ebene an. Sie besteht darin, dass das Währungssystem neu reformiert werden müsse, dass Einwanderungsregeln strenger gesetzt werden müssten und dass es eine andere Art, eine wahre und ehrliche Art der Berichterstattung bedarf.

Durch dieses Analysedreieck konnten damit die Aussage bereits etwas tiefgründiger betrachtet werden und eine ideologische Einordnung stattfinden. Es handelt sich hierbei um eine klar rechtspopulistische Äußerung, da viele der anfangs beschriebenen Elemente (Euroskeptizismus, Xenophobie, Anti-Establishment Einstellung, Emotionalisierung, usw.) auch hier wieder zu finden sind. Wenn eine rechtspopulistische Aussage analysiert und eingeordnet ist, so ist das Finden einer passenden Antwort um so leichter. Erst wenn klar ist, welche Kernaussage hinter einer populistischer Parole stehen, kann auch eine wirkungsvolle Antwort darauf entwickelt werden. Daher empfiehlt sich eine genauere Beschäftigung mit dem Gegenstand des Rechtspopulismus, welcher im Rahmen dieses Essays bereits kurz angeschnitten wurde. Das Analysedreieck dient aber nicht nur zur Analyse von Aussagen sondern auch dazu eigene Argumente bzw. Argumentationenstränge zu entwickeln und zu strukturieren. Beim Begegnen von rechtspopulistischen Aussagen gibt es unterschiedliche Strategien, die benutzt werden können. Je nach Situation und Aussage sollte hier die entsprechende Strategie benutzt werden. Für die Entwicklung einer wirkungsvollen Antwort eignet sich am häufigsten die sogenannte Fünf-Satz Technik.7 Innerhalb von 30 Sekunden kann bereits ein rechtspopulistisches Argument entkräften und ein gut durchdachtes Gegenargument bestärkt werden. Konkret bedeutet dies, dass anfangs kurz auf das populistische Argument eingegangen wird, anschließend der Gewichtung nach ca. drei Gegenargumente dargelegt werden und dann abschließend eine klares Statement formuliert wird. Damit lassen sich Zuhörer_innen gewinnen und rechtspopulistische Äußerungen effizient widerlegen. Um dies genauer zu verdeutlichen folgt nun ein solcher 5 Satz im Bezug auf das weiter oben genannte rechtspopulistische Beispiel.

Es steht im Raum, dass die Einführung des Euros zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen und zur Entstehung einer Parallelgesellschaft geführt hätte und führen würde, über diese wir in den Medien nichts erfahren würden. (Einleitung) Dagegen ist zu sagen, dass die Vorstellung von bürgerkriegsähnlichen Zuständen nur dafür da ist um Angst zu schüren, um damit eine gesellschaftliche Spaltung und Fremdenfeindlichkeit zu erzeugen (Argument). Wenn irgendwo Krieg herrscht, dann an den Grenzen Europas, wo Menschen nach Schutz und Hilfe suchen, aber kaltblütig abgeschoben werden. (Argument) Dabei kann eine multikulturelle Gesellschaft so viele Vorteile und Vielfalt mit sich bringen und einen Raum des Erfahrungsaustausches bieten. (Argument). Wir sollten uns daher nicht von rechten Meinungen und billigen Erklärungsmustern manipulieren lassen, sondern ein offenes Herz für ein tolerantes Miteinander haben. (Fazit) “

Ein solcher Fünf-Satz ist in einem Gespräch jedoch eher etwas unwahrscheinlich, eignet sich allerdings gut beim Strukturieren politischer Statements oder beim Kommentieren von geschriebenen rechtspopulistischen Äußerungen (z.B. im Internet).

Weitere Argumentationstechniken gegen Rechtspopulismus

Im Folgenden soll nun kurz auf weitere Handlungsmöglichkeiten eingegangen werden, wie rechtspopulistischen Aussagen anderweitig begegnet werden können. Zur Argumentation ist generell zu sagen, dass stets das Ziel der Argumentation klar abgesteckt sein sollte. Des weiteren sollte Grundsätzliches geklärt sein, um eine Basis für eine sinnvolle und zielführende Argumentation zu entwickeln. Schließlich geht es vor allem beim Argumentieren gegen Rechtspopulismus darum Widersprüche aufzudecken. Dazu gibt es unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten, die nun vorgestellt werden.

  1. Überzeugen: In der Methode des Überzeugens geht es darum möglichst nachvollziehbare Fakten zu liefern, die den Sachverhalt eines Problems ausführlich darstellen. Hier lässt sich auch ein Fünf-Satz mit einbinden. Die Erklärungen sollten dabei leicht nachvollziehbar, gut strukturiert und in sich schlüssig formuliert seien. Das Einbinden von persönlichen Erlebnissen, aber auch wissenschaftlichen Studien kann hier eine sehr effiziente Wirkung erzielen. Auch sollte nach einem solchen Input die Möglichkeit von Nachfragen bestehen, damit die Gesprächspartnerin eventuelle Unklarheiten doch noch nachvollziehen kann. Eine direkte Ansprache schadet an dieser Stelle also nicht, sondern bringt die Gesprächspartnerin eher zum nachdenken. Oft können solchen schweren inhaltlichen Standpauken oder Frontalreferate aber auch kippen, sodass die Gesprächspartnerin nicht bereit ist von ihrem Standpunkt abzuweichen, sondern diesen vehement zu vertreten versucht, auch wenn eigentlich klar ist, dass er falsch ist. Dies ist eine durchaus verständliche Reaktion. Wird ein Weltbild in Frage gestellt, so muss es auch Alternativantworten geben, um die Möglichkeit zu eröffnen vom ursprünglichen Standpunkt Abstand zu nehmen. Daher ist es beim Überzeugen wichtig, nicht nur darzustellen, was der Rechtspopulismus falsch interpretiert, sondern schließlich auch verständliche Antworten auf die jeweiligen Fragen zu geben. An dieser Stelle lohnt es sich positive Gegenbeispiele zu nennen und Empathie für Betroffene zu erzeugen.

  2. Hinterfragen: Falls jedoch auch hier ein starker Gegenwind und ein Beharren auf der rechtspopulistischen Meinung besteht, so eignet sich die Methode des Nachfragen bzw. Hinterfragens etwas besser. Sie bringt die Gesprächspartnerin dazu ihre eigenen Argumentastionenstränge neu zu überdenken und bietet auch die Möglichkeit von der vorher getätigten Aussage wieder Abstand zu nehmen. Bei dieser Methode ist ein aufmerksames Zuhören und das gute Platzieren von richtig gestellten Fragen notwendig. Dies bedarf etwas Feingefühl und wahrscheinlich auch etwas Übung, vor allem dann, wenn man vom eigentlichen Inhalt auch keine wirkliche Ahnung hat. Zu achten ist demnach darauf, dass die Lücken und Widersprüche, die den Rechtspopulismus durchaus prägen, im Fokus stehen. Zu einer Präsentation eines geschlossenen Weltbildes sollte es also nicht kommen. Durch das gezielte Nachfragen, kann das Gespräch in gewünschte Bahnen gelenkt werden, bekannte Themen und Widersprüche können somit geschickt einen Raum finden und die Argumentation des Rechtspopulismus durchbrechen. Hinterfragt werden sollten die Ziele und Motive von Argumenten, sodass Konsequenzen klar werden. Diese Methode ist besonders erfolgreich, denn sobald klar wird, dass die rechtspopulistische Argumentationslinie brüchig ist, kann die Rechtspopulistin auch selbst von ihrer Meinung abweichen. Die Gefahr besteht lediglich darin, dass sich die Rechtspopulistin als einfache Bürgerin ausgibt und damit versucht Sympathie zu entwickeln. So gibt Kathrin Örtel (ehemalige PEGIDA Pressesprecherin) keine wirklichen Antworten auf politischer Ebene, sondern fordert lediglich dazu auf, aktiv zu werden und es der politischen Elite zu zeigen. Beim Nachfragen bzw. Hinterfragen lohnen sich auch Fragestellungen auf Metaebene bzw. Gefühlsebene. „Um was geht es Ihnen eigentlich, was ist Ihnen denn daran so wichtig und was wollen Sie denn damit erreichen?“ – Durch solche Fragen, welche meistens mit einem konstruierten Volkswillen beantwortet werden („Das Volk will gehört werden.“ / „Wir wollen unsere Werte schützen“, usw.), kann der Diskussionsrahmen noch einmal um eine philosophische Ebene erweitert werden. Auch die Identitätskonstruktion von „Wir und die Anderen“ lässt sich hier gut aufbrechen. Rechtspopulismus ist so weit verbreitet, weil viele Menschen einem Leithund hinterherrennen, Parolen nachrufen und glauben in diesen eine Wahrheit zu sehen. Muss man aber selbst auf Fragen antworten und sein persönliches Weltbild durchdenken bzw. reflektieren, so merkt man schnell, dass der Rechtspopulismus auch keine wirkliche Alternativen bieten kann. Menschen sollten zu einem kritischen Denken motiviert und angeregt werden – dieses lässt sich durch das Nachfragen bzw. Hinterfragen recht gut erzielen.

  3. Gegenstimmung forcieren: Eine dritte Argumentationsmethode ist es Gegenstimmung zu forcieren. Besonders in der Arbeit mit Gruppen ist diese Art der Begegnung auf rechtspopulistische Aussagen effektiv. Es geht darum den Widerspruch weiterer Anwesender herauszufordern, um damit Parolen und vereinfachte Erklärungsmustern in Frage zu stellen. In der Schule sollten sich z.B. Schüler_innen positionieren und klare Grenzen der Meinungsfreiheit aufzeigen. Kommt man als externe Referentin in eine Schulklasse, so ist es sinnvoller und durchaus auch erfolgreicher mit den Meinungen der Schüler_innen zu arbeiten, statt Frontalunterricht zu geben. Besonders pädagogische Fachkräfte sollten Menschen zum mit- und nachdenken anregen und dazu verhelfen eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

  4. Irritieren: Stößt man allerdings nicht nur beim Überzeugen, sondern auch beim Nachfragen auf Widerstand, so kann man durch Irritation auch seinen persönliches Unverständnis und Widerspruch zum Ausdruck bringen. Eine besondere Art ist zum Beispiel der sogenannte „Tortenwurf“. Der Tortenwurf, auch „Tortung“ genannt, ist ein Akt handgreiflicher Aktionskunst, bei dem eine Person (hier: Rechtspopulistin) eine Torte ins Gesicht geworfen bekommt und damit ins Lächerliche gezogen wird. Der Totenwurf oder auch das werfen von faulen Eiern und Tomaten dienen als Mittel der Bloßstellung und setzen dort ein, wo reden nichts mehr bringt. Wichtig bei der Argumentation gegen Rechtspopulismus ist nämlich, dass etwas dagegen gesagt oder auch gemacht wird und eine Parole nicht einfach unkommentiert im Geschehen untergeht. Auch Ablenkung wie z.B. ein sprunghafter Themenwechsel, Nachäffen, schneiden von Grimassen oder das Erzählen von Witzen kann durchaus eine Methode des Widerspruchs sein. Es wird die Rechtspopulistin auf jeden Fall irritieren und damit aus ihrer Argumentationslinie bringen. Sofern dann gefragt wird, was dieser Quatsch soll, so kann geantwortet werden, dass auch der Rechtspopulismus und seine Inhalte großer Quatsch sind, man sich also auf einer gemeinsamen Ebene befindet. Wachsamkeit und schnelle Reaktionen sind also gefragt. Das Ziel bei dieser Methode liegt nicht mehr beim Überzeugen oder Weiterbilden der Rechtspopulistin, sondern führt regelrecht zu einer Eskalation und einen Abbruch der Argumentation, was manchmal jedoch auch besser ist, als menschenverachtende Meinungen unkommentiert im Raum stehen zu lassen.

  5. Unterbinden: Als eine fünfte und schließlich letzte Methode kann auch das Unterbinden bzw. Verbieten von bestimmten Meinungen gezählt werden. Befindet man sich also in einen Kontext, in der man Verantwortung und auch entsprechende Durchsetzungsmacht besitzt (z.B. als Lehrerin in der Klasse, Dozentin im Seminar, etc.), so ist das Verbieten durchaus eine effektive, aber auch sehr radikale Art und Weise der Argumentation. Es geht hierbei nicht darum die Redefreiheit oder Meinungsfreiheit einer einzelnen Person einzugrenzen, sondern andere Personen zu schützen und klar gegen menschenverachtende Einstellungen aufzutreten. Dementsprechend ist ein sensibles Abwägen wichtig – nur im äußersten Fall, wenn quasi alle anderen Methoden versagen, sollten Verbote und die Aufforderung zum Schweigen ausgesprochen und eventuell gar Sanktionen angedroht werden. Kommt es dann zu einem erneuten Verstoß gegen die gesetzten Regeln (z.B. keine rassistischen Beleidigungen im Unterricht), so müssen die angedrohten Sanktionen auch schließlich umgesetzt werden. Muss man einer Person auf solche Art und Weise die Richtung zeigen, so ist das Argumentieren auf einer verbalen Ebene oft sowieso vergebens. Dennoch sollte das Verbieten nicht zu einer Dauerstrategie werden, sondern eine Ausnahme bleiben.

Fazit:

Im Umgang mit Rechtspopulismus gibt es, wie in diesem Essay dargestellt wurde, unterschiedliche Strategien. Abschließend lässt sich sagen, dass durch ein regelmäßiges Argumentationstraining, sei es am Küchentisch oder innerhalb von Seminaren, die Sicherheit im Umgang mit rechtspopulistischen Äußerungen steigt. Das Gespür und Gefühl für das, was hinter manchen Parolen steckt oder welche Intention der- oder diejenige eigentlich hat, wird durch ein Argumentationstraining immer feiner. Damit ist eine tiefe inhaltliche Auseinandersetzung nicht immer notwendig (manchmal ja auch gar nicht möglich), denn durch ein bloßes Dekonstruieren des „gegnerischen“ Argumentationsstranges kann bereits schon viel erreicht werden. Im Kontext von Schule sollten auch Schüler_innen dazu ermutigt werden, sich gegen menschenverachtende Einstellungen, also auch gegen Rechtspopulismus, auszusprechen. Dieses Engagement sollten gestärkt und damit ein angenehmes Klassenklima erzeugt werden. Menschenverachtende Einstellungen haben so keine Anknüpfungspunkte und werden sich sowohl schwerer im schulischen als auch im allgemeinen Alltag etablieren können. Wichtig ist jedenfalls, dass etwas auf rechtspopulistische Äußerungen geantwortet oder gemacht wird, denn es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

1Decker, Oliver, / Langenbacher, Nora (Hrsg.)/ Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, Projekt „Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus“ (2010): Die Mitte in der Krise: rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010. Berlin. Online: http://library.fes.de/pdf-files/do/07504-20120321.pdf. |

Decker, Oliver/ Kiess, Johannes/ Brähler, Elmar (2014): Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014. Leipzig. Online: http://www.uni-leipzig.de/~kredo/Mitte_Leipzig_Internet.pdf. |

Andreas Zick / Anna Klein (2014): Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer; Bonn. Online: http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_14/FragileMitte-FeindseligeZustaende.pdf.

2Deutsche Enzyklopädie. Agitation. Online: http://www.enzyklo.de/lokal/40027.

3Deckler, Frank/ Lewandowsky, Marcel: Populismus. In: Bundeszentrale für politische Bildung. Online: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41192/was-ist-rechtspopulismus [Zuletzt aufgerufen am 02.03.2015].

4Vgl. Motto der Alternative für Deutschland: „Mut zur Wahrheit“.

5Deckler: Populismus.

6Thüringer AfD-Landessprecher Matthias Wohlfarth in einem Interview im März 2014.
Online:
http://www.huffingtonpost.de/2014/03/25/rechte-populismus-afd_n_5025753.html.

7Mehr zur Fünfsatzrhetorik: Ad Personam (2008): Fünfsatztechnik. Online: http://www.ad-personam.com/argumentation_5_satz_technik.pdf. oder: Silberkamp: Leitfaden Rhetorik Fünfsatz.
Online: http://www.silberkamp.de/assets/plugindata/poola/leitfaden—rhetorik-fuenfsatz.pdf.

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